Wegen falscher Verbrauchsangaben – VW zahlt Kunden Verbrauchsmehrkosten-Entschädigungspauschale in Höhe von 189€ pro Jahr

Erst vor Tagen musste Volkswagen die Rückrufaktion von 11 Millionen Dieselfahrzeugen mit eingebautem »defeat device« und Manipulationssoftware bekannt geben. Nun folgt die nächste Hiobsbotschaft. Sie heisst Hector Ignatio und kommt aus Heilbronn. Der 37-jährige Halb-Italienier und ambitionierte Autofahrer wird unter unter Autofans bereits als Edward Snowden der Automobilindustrie gefeiert. Mit seinem über Jahre hinweg entwickelten Messverfahren »Truth CO2«, einer Kombination aus der Anzahl der Liter Benzin beim zweiten Volltankens in Folge, geteilt durch die Anzahl der gefahrenen Kilometer mal hundert und einer elektronisch unterstützten Ablesetechnik der Verbrauchsangaben im Bordcomputer, ermittelte der Whistlebowser einen erschreckenden Verbrauchswert für seinen Polo Blue Motion: 5,7 Liter Diesel – statt der angegebenen 3,2 Liter pro 100 Kilometer. Ein satter Mehrverbrauch von 80%. Bei der Fahrleistung von Hector I. entspricht dies jährlichen Spritmehrkosten von 470 €.

Getunte Verbrauchsangaben sind kein Einzelfall, sondern haben bei Volkswagen System, wie eine Studie des »International Council on Clean Transportation (ICCT)« bestätigt. Egal ob up!, Phaeton oder Crafter. Egal ob TSI oder TDI-Motor. Alle Modelle verbrauchen im Schnitt 35% mehr Sprit als VW angibt.

Betroffen von dem Verbrauchsbetrug sind alle seit der Gründung 1937 produzierten Fahrzeuge von VW. Darunter über 30 Millionen Golfs. »Auch wenn viele davon bereits verschrottet sind, so überweisen wir den Betrag auch an ehemalige Besitzer«, sagte VW-Marketingchef Jürgen Stackmann.

VW Golf 1 von 1974. Damals ahnte das Ehepaar Jutta und Manfred nicht, dass Verkäufer Detlef D., von der Schwabengarage Stuttgart, ihnen falsche Verbrauchswerte vorgaukelte.

VW Golf 1 von 1974. Damals ahnte das Ehepaar Jutta und Manfred nicht, dass Verkäufer Detlef D., von der Schwabengarage Stuttgart, ihnen falsche Verbrauchswerte vorgaukelte.

 

Der Aufsichtsrat des Wolfsburger Automobilriesen, um den neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller, beschloss nach den Enthüllungen eine Verbrauchsmehrkosten-Entschädigungspauschale in Höhe von 189 € pro Jahr für jeden VW-Kunde. Allein für das Jahr 2014, in dem 9,5 Millionen Fahrzeuge verkauft wurden, belastet das die VW-Skandalabwicklungsrückstellungen des Konzerns mit 3,8 Milliarden Euro. Ein Kunde der 1974 einen Golf 1 erwarb, erhält 40 x 189€, ingesamt also 7.560 €.

Verbraucherschützer halten Rückrufaktionen, Transparenzankündigungen, Messverfahrenstandardangleichungen oder Verbrauchsmehrkosten-Entschädigungspauschalen für Klumbatsch und einen betrügerischen Freikaufsversuch. Die Hersteller sollen endlich fahrpraxisorientierte Verbrauchsangaben angeben, bei denen auch die beliebten, mehrminütigen 250 km/h Autobahn-Sessions der R-Modelle berücksichtigt werden.

Die Ausgleichszahlungsinitiative dürfte die deutsche Premiumindustrie »Automobil« hart treffen. Während bei VW die tatsächlichen Verbräuche im Schnitt bei +35 %liegen, verbrauchen Daimler- und BWM Fahrzeuge bis zu 50 % mehr Sprit als die Hersteller angeben. Damit dürften eventuelle Verbrauchslügen-Entschädigungszahlungen weitaus höher liegen als bei der Wolfsburger Konkurrenz.

Hector Ignatio aus Heilbronn findet wegen zahlreicher Interview-Anfragen kaum noch Zeit zum Autofahren. Egal ob Guardian, Washington Post, Spiegel oder Günther Jauch. Sie alle wollen wissen, wie er das Geheimnis der falschen Verbrauchsangaben aufdecken konnte.