Neuer Selfmade-Trend »Downcycling« – Blumembeete aus fabrikneuen PKWs

»Ich hätte auch das M4 Cabrio nehmen können. Aber gerade das Abschneiden des Daches ist einfach zu geil«. Thomas M. steht im Arbeitskittel vor seinem heute bei der BMW Niederlassung Berlin abgeholten M4 Coupé in Wüstengold. Mit seinem Winkelschleifer Bosch GWS 26-230 LVI Professional schneidet er die A-Säulen, dann die B-Säulen durch. Er reisst das Dach des Sportwagens runter. Lässt das Öl des Motors ab und fährt auf seinem Grundstück unter Volllast bis der Motor qualmt. In den Kofferraum kippt er zwei Liter Schokomilch und bürstet diese in den Teppich ein. Den Lack behandelt der Downcyclist mit Streusalz und einem Spaten, um die bei seinen Kunden so beliebte Patina zu erhalten. In den Innenraum schüttert er zweihundert Liter seiner geheimen Spezialmischung. Er verrät nur soviel: »Blumenerde Floraself Select Plus, Nitratdünger und linksdrehendes kalkarmes Regenwasser sind enthalten.« Das ehemalige Neufahrzeug lässt der gelernte Schäfer an einem Platz an der Sonne für drei Monate ruhen. Nach der Gährungszeit öffnet er die Vordertür und lässt die nach Dachskot duftende Brühe ablaufen. Zur Neubefüllung des Innenraums verwendet der 40-Jährige Blumenerde »Floraself Select Premium Top«, gespiekt mit Düngestäbchen aus Rosinenölkonzentrat. Er greift in eine Wildblumenmischung von der Blumeninsel Mainau und verteilt die Samen in der Erde. Nach zwei Monaten erblühen Klatschmohn, Disteln, Glockenblumen und nickende Günsel. Auf dem Grundstück von Thomas M. stehen weitere Werke zum Verkauf. Ein halb eingegrabener Porsche Cayene Turbo, innen ausgeschlachtet und mit Rindenmulch ausgestattet, als »Rückzugsort für Wildbienen und Insekten« zum Abholpreis von 2.379 €. Ein ebenfalls bis auf die Karosserie leergeräumter Ferrari F430 dient dem Gartenbesitzer als Kompost.

Gedeiht prächtig auf der Velour-Innenausstattung eines BMW M4 Coupé: Löwenzahn

Gedeiht prächtig auf der Velour-Innenausstattung eines BMW M4 Coupé: Löwenzahn

 

Der Begriff des Downcycling stammt von einer Berliner Community namens »MakeOldFromNew«. Sieben Studenten besetzten eine schlüsselfertige HighTech-Luxus-Wohnanlage. Als die Polizei räumten wollte und der Immobilienbesitzer, XING Gründer Lars Hinrichs, die Studenten bat das Gebäude frei zu geben, trat Aktivistenführer Torbian S. aus dem Gebäude und unterhielt sich kurz mit Hinrichs. Daraufhin rückte der Besitzer und die Hundertschaft ab. Später twitterte es auf Twitter, Torbian habe Hinrichs 250 Millionen Euro für das Objekt bezahlt. Die Summe für den juristisch einwandfreien Erwerb hatten die Aktivisten bereits zuvor über Crowdfunding eingesammelt. Statt der S-Klassen von Managern, die es schätzen per SMS informiert zu werden wenn Post eingeht oder sich per App die Duschkopfstrahlstärke und Luftfeuchtigkeit einzustellen, zogen mehrere hundert Studenten in die Anlage. Für Wohnen ohne Strahlung, entfernten die Bewohner zunächst die 37 WLAN Router. Danach brachen sie Wasserleitungen auf, um Wasserschäden als Gestaltungselement einzusetzen, entfernten störende Trennwände und schufen eigene treppenlose Durchbrüche vom Dach bis ins Erdgeschoss. Heute bauen sie im Aufzug die alte Tomantensorten »Bärbel« an und verkaufen diese an die bis zu 500 Touristen, welche die Anlage besuchen, seit TripAdvisor den Bau als »europäischen Hotspot für vorbildliches Downcycling« auszeichnete.

Nachdem Thomas M. sein Pedelec, durch Entfernung des Elektromotors und des Akkus zum Tretfahrrad abgerüstet hatte, besuchte er die Berliner Downcycling-Szene. Deren Umtriebigkeit brachte ihn dazu aus seinem kostenintensiven Hobby eine Geschäftsidee zu entwickeln. Für ein Blumenbeet aus einem BMW M4 Cabrio muss er zunächst 78.500 € investieren und bis zu acht Monate Lieferzeit hinnehmen. Er sitzt auf dem Blechverkleidung eines 22.500 € teuren Kärcher Trockeneisstrahlgerät IB 15/120r, das er zum Gartenhocker downcycelte und philosophiert über seine Form der Kapitallismuskritik. »Ein Basis-M4 ist langweilig. Ich konfiguriere meist noch das M Doppelkupplungsgetriebe mit Drivelogic dazu. Das Abbrechen der Schaltwippen erzeugt bei mir Gänsehaut. Für ein Blumenbeet aus einem Neuwagen eines deutschen Premiumherstellers zahlen koreanische Kunden bis zu 8.000 €. Wenn ihm jemand vorhält das seien nur 10% des Einkaufspreises, reagiert der Idealist genervt. »Überall eine Wirtschaftlichkeitsrechnung anzulegen ist gefährlich und lenkt vom eigentlichen Wert der Handwerkstätigkeit ab. Ich sehe meine Tätigkeit als Symbol gegen die digitale Monopolisierung des Konsums durch Amazon. Thomas M. verschweigt nicht, dass er in pyschologischer Behandlung war. Sein Therapeut hatte seine Tätigkeit als eine Gegenbewegung zu einer Erfahrung aus der Kindheit gewertet. Als Kind hatte Thomas M. es nicht ertragen, wenn sein Vater ganze Samstage von Hand den Jaguar wusch und die Wut seines Vaters zu spüren bekam, wenn dieser es nicht schaffte mit einem Wattestäbchen die Staubpartikel aus den Gelenken der Lüftungsschlitze zu entfernen.

Heute hat sich der 45-jährige nicht nur vom Sauberkeitszwang seiner Eltern befreit, er bekämpft den Konsumgütererwerbungswahn und den Neuwertigkeitszustanderhaltungstrieb westlicher Wohlstandsgesellschaften. Nachdem er das coupeförmige Blumenbeet fotografiert hat, stellt er es als »Wildblumen BMW M4 Mehrzweckbeet« bei DaDowni ein, einem Marktplatz für Downcycling-Produkte. Handwerker und Künstler, die sich »Kleinstadt-Manufaktur« oder »Runterkreisel-Liebelei« nennen, verkaufen in Kleinstauflagen Bilderahmen aus 3D-Flatscreens, zu Bücherregalen runtermontierte CNS-Fräsmaschinen oder chemiefreies Schneckenkorn, das zu 100% aus mehrjährig gelagertem Beluga-Kaviar besteht.

Eine deutsche Erfindung ist die Idee, aus Neuware gebrauchte Produkte herzustellen nicht. Besonders im Nahen Osten wird die Idee täglich praktiziert. Etwa im Gaza-Streifen. Die Bewohner benötigen, wegen des israelischen Embargos, erhebliche Mengen an Baumaterial für die Errichtung von Wohnhäusern. Mithilfe der israelischen Luftwaffe werden regelmässig Schulen und öffentliche Gebäude bombardiert. Die in ihre Einzelsteine runtergekreiselten Bauwerke dienen der Bevölkerung als frei zugängliche Baumateriallager.

Eva Lucía María Sofía Lopez-Gonzales-Higuain, aus der katalanischen Stadt Lleida, fertigt aus Cabres (Ziegen) Ledertaschen. Sie betäubt diejenigen Exemplare aus ihrer Herde, welche den idealen Downcycling-Zustand von etwa 60 KG erreicht haben. Nach dem Ausbluten zerlegt sie die Tiere. Aus dem gegerbten Leder erstellt sie Casual-Rucksäcke für den urbanen Alltag mit Motiven aus der katalonischen Freiheitsbewegung. »Die Mast von Tieren ist eine ideale Methode um downcycling fähige Grundsubstanzen herzustellen.«, sagt Konsumforscher Michael Degen. Als Beispiel nennt er den niedersächsischen Fleischereibetrieb »Koppulierenrath & Wiese«. Mit dessen patentierter Lagermethodestellt der Familienbetrieb, mit Hilfe sparsamer Kühlung, aus Hausschweinen und Pinzgauer Fleckvieh Gammelhack her – bestens geeignet für die Befüllung von ungenutzen Containern.

Victor Wechselberg von der Nachhaltigkeitsplattform utopia.de bezeichnet Downcycling als romantisch verklärte, aber effiziente Ressourcenverschwendung. »Die destruktive Komponete dieser Neuwarenumfunktionierung werde durch die konstruktive Komponete, etwa den Nutzwert des Blumenbeets im Private- oder Urbangardening wieder ausgeglichen.«

Blumenbeethändler Thomas M. erhält eine Anfrage eines koreanischen Käufers, der wissen möchte, ob das im Blumenbeet verwendete M4 Coupé eine VMAX-Aufhebung hat. Während der Onlinehändler die Antwort »Ja.« tipp, legt er die Füsse hoch, auf ein zum Füssehochlegebrett reduzierten 1,5-Tesla-MRT-Scanner Magnetom Amira von Siemens Healthcare.