Deutsche Wasserschutzpolizei rettet 400 schweizer Einkaufsflüchtlinge auf dem Bodensee vor einem Samstag ohne Einkauf

Samstag, der 16. Mai 2015. Morgens um 7:56 Uhr auf der schweizer Autobahn A7 bei Frauenfeld. Stau bis Konstanz/Kreuzlingen. Die vier Konstanzer und sämtliche Grenzübergänge in den Landkreisen Waldshut-Tingen, Schwarzwald-Baar und Lörrach sind dicht. Blockiert von einkaufswilligen Eidgenossen im Individualverkehr. Die gut motorisierten Fahrzeuge sind besetzt mit finster dreinblickenden Insassen. Sie fürchten, es nicht mehr vor Schließung der Geschäfte um 20 Uhr in eines der grenznahen Shopping-Center zu schaffen. Vertrieben von astronomischen Preisen (15 Franken für eine Pizza Napoli, 8 Franken für eine Dose Haargel) im Heimatland, flüchten die kaufstarken Schweizer zu hunderttausenden in die Grenzstädte Konstanz, Lörrach und Waldshut, wo sie paradiesische Einkaufsbedingungen wittern.

Am selben Tag auf der schweizer Seite. Kreuzlinger Hafen. Kurz nach 9 Uhr. Etwa 400 Thurgauer und Thurgauerinnen aus Frauenfeld, Wil und Gosau besteigen das Personenbeförderungsschiff »Rheinfall«. Einer der Passagiere ist der 48-jährige Brückenbau-Ingenieur Urs Uersli aus Wattwil. Er grinst. Er ist dem Verlehrskollaps auf dem Landweg durch den Umstieg auf den Wasserweg entkommen. Was er und die anderen Fahrgäste zu diesem Zeitpunkt nicht wissen – das Schiff ist für die Überfahrt nach Konstanz nicht geeignet. Gesteuert wird das, von der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft (SBS) ausgemusterte Schiff von Dragan Kovacevic. Der Kroate wird sowohl von den deutschen, als auch von den schweizer Behörden wegen Schleuserei gesucht. Er versprach seinen »Kunden«, eine Überfahrt nach Konstanz in 7 Minuten inklusive kostenloser Softgetränke (Rivella) und abendlicher Rückfahrt. 100 KG Einkaufsgüter pro Passagier inklusive. Sein »Comfort-Paket« sollte zudem den abendlichen Retoure-Grenzübertritt ohne Ausfuhrschein-Abwicklungsstress beeinhalten.

Was die arglosen Einkaufsflüchtlinge stattdessen erlebten kommt einer Höllentortur gleich. Der Kriminelle lenkte – wegen eines defekten GPS-Gerätes – sein Schiff ins weit entfernte Meersburg am Nordufer des Bodensees. Der Augenzeuge Urs Uersli gab später zu Protokoll: »Meersburg…kein Einkaufzentrum, kein DM, kein Aldi, kein OBI. Statdessen Schlender-Touristen im Rentenalter, welche unsere Einkaufsgeschwindkeit verlangsamten.« Die Schnäppchenjäger überwältigten den Kapitän, versenkten ihn im Meersburger Hafen und lenkten den Kahn, aus dem Jahr 1953, mithilfe einer Smartphone-Navigation in den Konstanzer Hafen. Mitten auf offener See schlug das Wetter um. Der unter Meteorologen und Maritim-Experten gefürchtete Bodanrück-Bora peitsche das ansonsten friedliche Trinkwasser auf bis zu vier Meter hohe Wellen. Das überforderte Schiff schien zu kentern. An Bord brach Panik aus.

Der berüchtigte Konstanzer Trichter im Einzugsgebiet des Bodanrück-Bora.

Der berüchtigte Konstanzer Trichter im Einzugsgebiet des Bodanrück-Bora.

 

Heribert Moos, Einsatzleiter der Wasserschutzpolizeistation Konstanz, bekam um 10:49 Uhr den Notruf über die Leitzentrale. »Wir sind für solche Fälle gerüstet und handeln nach dem Seenotrettungsprogramm ‘Schweizer Einkaufstouristen in Panik’. Dieser Aktionsplan sieht eine sofortige Ausrückung aller drei Boote vor. Mit einem Gesamtfassungsvermögen von 300 Personen. Unsere Kollegen vom Wasserschutzpolizeiposten Reichenau stellten ein weiteres Boot für 50 Flüchtlinge«. Die restlichen etwa 50 Notleidenden wurden von privaten Bootsführenden aufgenommen, die zu diesem Sturmzeitpunkt längst in den Heimathäfen hätten sein sollen, sich aber unter Gefährdung des eigenen Lebens noch im Konstanzer Trichter aufhielten.

Das Rote Kreuz hatte im Konstanzer Hafen innerhalb einer Stunde ein Notauffanglanger eingerichtet. Erste Hilfe in Form von Handtüchern, Decken, Kaffee und Rösti.

Für Bisambiss.de schildert der Polizeioberkommissar Heribert Moos die Lage: »Als die Touristen an Land kamen wollten wir diese in die Zelte leiten. Diese aber drängten in Richtung des Einkaufszentrums LAGO  und Innenstadt/Marktstätte. In den Shopping-Einrichtungen vermischten sich die Ankömmlinge mit den über den Landweg eingereisten Landsleuten. DM, Hugendubel, H&M, Spielwaren Schinacher, OBI und die beiden Kaufländer versorgten die nervlich ausgezerrten mit Non-Food-Artikeln wie Balea »Paradiese Beach« Duschgel, T-Shirts für 8,90 €, Sanitärkleinteilen und dem GARDENA Mähroboter R40Li.

Der Konstanzer Traffic-Manager Manfred Stau zeigte Verständnis für das Verkehrsaufkommen in seiner Stadt: »Wenn in der Schweiz ein 100ml-Dösle Nivea-Creme 8 Franken und 49 Rappen kostet, in Deutschland aber nur 1,99 €, ist doch klar, dass man reist, um dieses Schnäppchen zu schlagen.«

Oberbürgermeister Ulrich Burchardt bemüht bei seinen Bürgern um Verständnis für den kauffreudigen Besuchssdrang der Schweizer: »Der Shoppingtrip mit der Familie in preisattraktive Regionen ist eine tief in der schweizer Mentalität verwurzelte Verhaltenstradition. Dieses Ritual ist lebenssinnstiftend für die finanzstarken Eidgenossen.« Zuletzt wurden die Konsumambitionen der südlichen Nachbarn nochmals signifikant verstärkt. Durch die Aufhebung der Wechselkursbindung des Franken zum Euro. Die Schweizer hatten auf einen Schlag 20% mehr Kaufkraft bei Einkäufen in Deutschland. Deutlich wird dies an den beiden Aldi-Filialien in Konstanz. Sie zählen mit Abstand zu den umsatzstärksten Standorten des Discounters in Europa. Die Schattenseite: Verlehrskollaps in der Konzilstadt am Bodensee. Den Anwohner im Wohngebiet »Paradies« werden die Straßen von Einskaufsbesuchern zugeparkt. Einfamilienhausbesitzer Frank Köllisch streicht genervt seine Haare zurück: »Parken in zweiter Reihe? Selbstverständlich! Pampige Antwort, wenn man die Besucher auf ihr Fehlerverhalten hinweist? Selbstverständlich! Irgendwann muss man doch alles haben? Wo lagern die nur diese Mengen? Haben die unter ihren Häusern Lagerräume?«

Die Konstanzer Behörden versuchten zuletzt mit Straßensperren die Besucher bei Ihren Beutezügen auf Park und Ride Parkplätze zu lenken. Erfolglos.

Der Konstanzer Beauftrage für Einkaufsflüchtige Rolf Kowalschewski lud Spitzenvertreter der Baden-Württembergischen Outlet-Branche ins Konzilgebäude zum »Helvetier-Einkaufsflüchtige-Gipfel« ein. Auf der Agenda steht nicht nur die politische Frage wer die steigenden Kosten des Seenotrettungsprogrammes trägt, diskutiert wird auch ein Verteilungsschlüssel für die temporäre Aufnahme der schweizer Einkaufsbesucher. Andrea Poul, Center Managerin des MILANEO in Stuttgart, erklärte sich bereit weitere schweizer Tagesshopper aufzunehmen. »Unsere Parkautomaten akzeptieren schweizer Franken.« Ähnlich äußerte sich Wolfgang Bauer, Geschäftsfüher der Outletcity Metzingen: »Wir begrüßen die schweizer Gäste ganz herzlich und haben noch freie Kapazitäten.« Ebenfalls hilfsbereit gab sich die Leitung des seemaxx Factory Outlet Center Radolfzell. Sie will mit den Konstanzer Stadtwerken eine kostenlose Fährverbindung zwischen Rorschach und Radolfzell einrichten. Mit seetauglichen Personenbeförderungsschiffen die über riesige Warentransporträume im Schiffskörper verfügen.

Den Flüchtlingen sind die politischen und soziokulturellen Folgen egal. Urs Uersli lacht wieder. Körperlich entkräftet schiebt er einen Einkaufswagen, den er mitgekauft hat, über Pflastersteine in den Konstanzer Hafen. Seine Frau Bea schiebt einen weiteren Wagen und die beiden Söhne Liam (11) und Lionel (14) einen dritten Wagen. Nach zähen Verhandlungen zeigten sich die schweizer Behörden bereit alle 400 Flüchtige ins Heimatland zurück zu holen. Die deutschen Grenzbeamten wickelten über eine mobile Einfuhrschein-Abstempel-Station an der Anlegestelle die zollrechtlichen Ausfuhrformalitäten ab.
Heribert Moos winkt dem Schiff mit den 400 rückreisenden thurgauern Tagesgästen hinterher. »Solange die maroden Boote der Schleuser nicht zerstört werden, rücken wir bald wieder im Rahmen des Seenotrettungsprogrammes auf den Bodensee aus.«